Was Anfang Juni auf unserem Schulhof mit Lärm, Aufbruchwerkzeugen und Containern begann, ist weit mehr als eine Baustelle. Es ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie Bildung, handwerkliches Können und gesellschaftliches Engagement ineinandergreifen können – und wie junge Menschen Verantwortung für ihre Schule und ihre Stadt übernehmen.

Schülerinnen und Schüler der Lichtenberg-Schule arbeiteten gemeinsam mit Auszubildenden des Garten- und Landschaftsbaus der Willy-Brandt-Schule Kassel sowie dem Verein AGiL Hand in Hand an einem Projekt, das beispielhaft zeigt, wie Klimaschutz ganz konkret vor der eigenen Haustür beginnt. Nachdem die WBS-Auszubildenden und AGiL die nötigen Vorarbeiten zur Entsiegelung erledigt hatten, gestalteten in unserer Projektwoche alle gemeinsam einen Teil usneres Schulhofs mit klimaresistenten Pflanzen neu. Ziel ist es, einen Beitrag zum Schwammstadtmodell der Stadt Kassel zu leisten.

Die Idee hinter der Entsiegelung ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Wo versiegelte Flächen aufgebrochen werden, kann Regenwasser wieder im Boden versickern, anstatt ungenutzt in die Kanalisation abzufließen. Das Schwammstadtmodell verfolgt genau diesen Ansatz. Städte sollen Niederschläge speichern, Hitzeinseln reduzieren und sich so besser an die Folgen des Klimawandels mit längeren Trockenperioden und häufigeren Starkregenereignissen anpassen.

Dass ein solches Vorhaben gelingt, braucht Menschen, die ihr Wissen teilen und andere dafür begeistern. Markus Thürmer von AGiL begleitete das Projekt gemeinsam mit Domenik Werner, ebenfalls AGiL-Mitglied und ehemaliger Schüler der Willy-Brandt-Schule. Beide brachten nicht nur ihre fachliche Erfahrung ein, sondern machten deutlich, wie wertvoll praktische Zusammenarbeit über Schulformen hinweg sein kann.

Unterstützt wurden sie von den Auszubildenden Anton Bohne (Klasse 12 B-GÄ), der zugleich bei AGiL aktiv ist, sowie Joshua Schalk (Klasse 10 B-GÄ), ebenfalls AGiL-Mitglied. Mit Fachwissen, Geduld und großer Einsatzbereitschaft vermittelten sie den Schülerinnen und Schülern der Lichtenberg-Schule Grundlagen des Garten- und Landschaftsbaus, von der Auswahl geeigneter Pflanzen für ein zunehmend heißes Stadtklima bis hin zum Mulchen und fachgerechten Gießen.

Für die Willy-Brandt-Schule ist das Projekt zugleich Ausdruck ihres Bildungsverständnisses. Berufliche Bildung endet nicht am Werkstatttor, sondern entfaltet ihren Wert dort, wo sie gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Sabine Stuhlmann, Abteilungsleiterin der Grünen Berufe, sieht in der Kooperation ein gelungenes Beispiel dafür, wie berufliche Expertise und schulische Bildung voneinander profitieren können. Fachliches Lernen werde so unmittelbar mit nachhaltigem Handeln verbunden.

Auch auf Seiten der Lichtenberg-Schule wurde das Projekt ebenfalls engagiert begleitet. Die Lehrerinnen Eva Lorenzana, Carolin Zöllner und Diane Zekl ermöglichten den Schülerinnen und Schülern nicht nur praktische Erfahrungen im Bereich Klimaanpassung, sondern förderten zugleich eigenverantwortliches Arbeiten, Kreativität und Teamgeist.

Dass Lernen weit über den Baustellenzaun hinausreichen kann, zeigte sich ebenfalls während der Projektwoche. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten die digitale Schnitzeljagd „Mission Zukunftsstadt: Rettet unsere Stadt vor Hitze und Starkregen“. Spielerisch vermittelt sie Grundlagen zu Entsiegelung, Schwammstadt und klimaangepasster Stadtentwicklung und macht das Thema dauerhaft für die gesamte Schulgemeinde zugänglich – etwa in Vertretungsstunden oder im Fachunterricht. So wird aus einem einmaligen Projekt ein nachhaltiges Bildungsangebot, das Wissen mit Neugier verbindet und Klimaschutz erlebbar macht.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der unterschiedliche Kompetenzen zusammenfanden. Hier arbeiteten Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, Auszubildende, Lehrkräfte und Praktiker nicht nebeneinander, sondern miteinander. Jeder brachte seine Perspektive ein, jeder lernte vom anderen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand weit mehr als ein neu gestalteter Schulhof: Es entstand ein Lernort, an dem ökologische Verantwortung, handwerkliche Präzision und gesellschaftlicher Zusammenhalt sichtbar werden.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Projekts. Die Herausforderungen des Klimawandels lassen sich nicht allein durch politische Programme oder technische Innovationen bewältigen. Sie beginnen dort, wo Menschen gemeinsam handeln, Wissen teilen und ihre unmittelbare Umgebung gestalten. Der entsiegelte Schulhof der Lichtenberg-Schule ist deshalb mehr als eine Grünfläche. Er ist ein Symbol dafür, dass Zukunft nicht irgendwann entsteht – sondern genau dort, wo junge Menschen heute den Mut haben, sie gemeinsam in die Hand zu nehmen.

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